Brief der Initiative an den Finanzsenator vom 19.12.08
Patienteninitiative gegen die Schließung der reproduktionsmedizinischen Abteilung der Charité / Kinderwunschzentrum
c/o Fam. Waßmuth
Friedenstraße 3
10249 Berlin, 0179-7724334
Senatsverwaltung für Finanzen
Herrn Dr. Thilo Sarrazin
Klosterstraße 59
D-10179 Berlin
Fax: (030) 9020-2624
wir haben erfahren, dass die reproduktionsmedizinischen Abteilung der Charité zum 31.21.08 geschlos-sen werden soll. Wir sind seit 2003 Patienten des Kinderwunschzentrum und befinden uns gerade mitten in einer Behandlung. In unseren Sorgen und mit unserer Empörung wenden wir uns an Sie als Finanz- und Verwaltungsexperten und Mitglied des Aufsichtsrats der Charité.
Die Information zur Schließung haben wir nicht von einer offiziellen Stelle der Charité erhalten sondern sozusagen auf dem Krankenhausflur. Sie wurde uns vom Personalrat bestätigt. Wir haben viele mit einer Schließung verbundenen Fragen: Wie geht unsere Behandlung weiter, ist die Qualität weiter gewährlei-stet (eine Ärztin hat schon gekündigt). Dazu kommt ein großer Fragenkomplex rund um die kryokon-servierten Embryonen, der von ethischen Fragen (was geschieht mit den tausenden eingelagerten Embryonen) bis zu ganz praktischen Sorgen reicht (dazu unten mehr). Zur Klärung der Fragen sowie zur Vertretung von Patienteninteressen haben wir die oben genannte Initiative gegründet.
Wir sehen in der Art und Weise der versuchten Schließung (innerhalb von drei Wochen!) einen großen Skandal. Es ist uns darüber hinaus völlig unverständlich, wie man in Europas größter Klinik zu dem Schluß kommen kann, Behandlung, Forschung und Ausbildung in der Reproduktionsmedizin sei kein zukunftsfähiger Bereich mehr.
Wir bitten Sie, sich dafür einzusetzen, die Schließung zunächst für sechs Monate auszusetzen. In diesem Zeitraum können und müssen die Gründe für die Schließung transparent und unter Berück-sichtigung der Patienteninteressen geprüft werden. Parallel sollten vorhandene sowie gegebenenfalls weitere Optionen für einen Weiterbetrieb oder gar Ausbau der Abteilung geprüft werden.
Unserer Auffassung nach liegt in dem schnellen Vorgehen ein fundamentaler Bruch des uns zustehen-den Vertrauensschutzes vor. Wir und andere Patienten haben erst vor wenigen Wochen eine neuen Behandlungszyklus begonnen in der selbstverständlichen Annahme, dass auch die Folgeübertragungen in der Charité vorgenommen werden. Andernfalls hätten wir womöglich von vornherein eine andere Einrichtung aufgesucht. Solche anderen Einrichtung haben selbst nämlich kaum ein finanzielles Interesse an einer reinen Übertragung von gefrierkonservierten Embryonen. Lukrativ sind die ambu-lanten Eingriffe, die die Charité nun bereits "abgeschöpft" hat. Es ist keineswegs gesichert, dass wir von anderen Institutionen für die Weiterbehandlung angenommen werden. Wir lassen derzeit prüfen, ob dieser Umstand nicht auch justiziabel ist. Wir bitten Sie, uns mitzuteilen, ob die Entscheidung des Vorstands durch den Aufsichtsrat zustimmungspflichtig ist und falls ja, welche Stellung Sie dazu bezogen haben.
Abgesehen vom Bruch des Vertrauensschutzes sehen wir uns auch erheblichen praktischen Problemen sowie erwartbaren zusätzlichen Kosten ausgesetzt:
Durch die Schließung der Abteilung würde zwangsläufig für eine Behandlung in einer anderen Institution ein Transport der gefrierkonservierten Embryonen erforderlich. Der Transport im Straßen-verkehr ist nur in waschmaschinengroßen stickstoffgekühlten Behältern zulässig. Man plant bei der Charité offenbar, diesen Transport den Patienten vollkommen allein zu überantworten. Unserer Kenntnis nach ist eine solches Vorgehen im Bereich der Kryokonservierung bundesweit beispiellos.
Die Schließung wird mit Kosten begründet: Etwa 200.000 € sollen durch die Maßnahme jährlich gespart werden. Wie uns aus der Presse bekannt ist, liegt der offizielle Fehlbetrag der Charité bei 38 Mio. €.
Wenn man nun die zahlreichen Vorstandsaktivitäten zur Vermeidung dieser 200.000 € in Relation zum Gesamtdefizit betrachtet, drängt sich die Frage auf, ob man dort nicht den Überblick verloren hat.
Wir halten auch das banale Übergewicht von Partikularinteressen für möglich: Räume der zu Schlie-ßung vorgesehenen Abteilung werden bereits jetzt von der Einrichtung "NeuroCure" in Anspruch genommen, die Übernahme der durch das Kinderwunsch-Zentrum noch betriebenen Räume durch NeuroCure ist offenbar bereits beschlossen. Das Millionen-Projekt NeuroCure liegt im direkten Interesse des Vorstandsvorsitzenden und Neurologen Prof. Dr. Einhäupl.
Doch auch das Kostenargument ist in sich nicht schlüssig: Die Einnahmen entfallen sofort, die hoch-spezialisierten Schwestern, Biologen, Laborfachkräfte und Ärzte sind hingegen nicht unmittelbar anderweitig einzusetzen. Die Charité selbst gibt intern keinen Bedarf für solche Stellen an.
Nach unseren Berechnungen entstehen auf diese Weise in den ersten fünf Jahren nach der Schließung über eine Million Euro zusätzliche Kosten, von einer Einsparung kann keine Rede sein. Gleichzeitig erhöht sich der mit 25% ohnehin hohe Verwaltungsanteil der Charité durch solche Maßnahmen weiter.
Ob die vom Vorstand für seine Argumentation vorgelegten Zahlen überhaupt einer Prüfung standhal-ten, zweifeln wir an: Hinsichtlich der Abrechnung über die Verwaltung der Charité gibt es massive Vorwürfe. Das Kinderwunsch-Zentrum hat erst seit dem 01.07.08 eine eigenen Kostenstelle. Einnah-men über Kassenpatienten wurden davor möglicherweise von der Verwaltung an die Abteilung nicht weitergegeben. Die Verwaltung der Charité kann diese Patienten angeblich aus ihrer Software gar nicht herausfiltern. Es besteht der Verdacht, dass zahlreiche Leistungen überhaupt nicht abgerechnet wurden. Maßnahmen zur Kostenreduktion konnten noch gar greifen, weil nicht einmal eine Jahresfrist gegeben wurde. Derart zustande gekommene Zahlen sollen nun die Schließung begründen.
Dabei gibt es konkrete Alternativen zur Schließung: Die Eizellentnahme und die Behandlungen sind für sich auch nach den problematischen Abrechnungsmethoden der Verwaltung der Charité kosten-neutral. Auf dieser Basis wurden von Professor Schneider, Direktor der Frauenklinik, zwei Konzepte unter Einbindung von privaten Laboren vorgestellt. Die Konzepte konnten nur schriftlich eingereicht werden, eine erklärende mündliche Erläuterung war angeblich nicht möglich. Nach Einreichen der schriftlichen Konzepte wurde diese abgelehnt.
Zusammenfassend müssen wir feststellen, dass uns die gesamte Argumentation völlig unverständlich ist. Private Fertilitätspraxen gelten als Goldgruben. Die Charité gibt an, bei gleicher oder besserer Qualität nicht kostendeckend arbeiten zu können. Tausende Patienten, die über die Reproduktionsme-dizin erst an die Charité gebunden worden waren und deren kryokonservierte Eizellen dort lagern, werden vergrault. Neue werden auf diesem Wege zukünftig nicht mehr geworben. Das enorme Renommee der Abteilung, das der ganzen Klinik zugute kam, fällt einem Federstrich zum Opfer.
Wir haben den Vorstand der Charité in einem Schreiben aufgefordert, uns vor dem 24.12.08 einen Termin für ein Lösungsgespräch zu nennen. Nach unserer Einschätzung ist es sinnvoll, dass Sie als Vertreter des Senats sowie als Mitglied des Aufsichtsrats bei dem Gespräch dabei sind.
Wir würden uns über eine baldige Rückmeldung freuen und verbleiben
mit freundlichen Grüßen
Carl-Friedrich Waßmuth
(Sprecher der Initiative)
Anlagen
Kopie des Schreiben an den Vorstand der Charité vom 19.12.08
Kopie des Schreibens an die Senatskollegin Prof. Lompscher
Kopie des Schreibens an den Senatskollegen Prof. Dr. Zöllner
c/o Fam. Waßmuth
Friedenstraße 3
10249 Berlin, 0179-7724334
Senatsverwaltung für Finanzen
Herrn Dr. Thilo Sarrazin
Klosterstraße 59
D-10179 Berlin
Fax: (030) 9020-2624
19.12.2008
Sehr geehrter Herr Dr. Sarrazin,wir haben erfahren, dass die reproduktionsmedizinischen Abteilung der Charité zum 31.21.08 geschlos-sen werden soll. Wir sind seit 2003 Patienten des Kinderwunschzentrum und befinden uns gerade mitten in einer Behandlung. In unseren Sorgen und mit unserer Empörung wenden wir uns an Sie als Finanz- und Verwaltungsexperten und Mitglied des Aufsichtsrats der Charité.
Die Information zur Schließung haben wir nicht von einer offiziellen Stelle der Charité erhalten sondern sozusagen auf dem Krankenhausflur. Sie wurde uns vom Personalrat bestätigt. Wir haben viele mit einer Schließung verbundenen Fragen: Wie geht unsere Behandlung weiter, ist die Qualität weiter gewährlei-stet (eine Ärztin hat schon gekündigt). Dazu kommt ein großer Fragenkomplex rund um die kryokon-servierten Embryonen, der von ethischen Fragen (was geschieht mit den tausenden eingelagerten Embryonen) bis zu ganz praktischen Sorgen reicht (dazu unten mehr). Zur Klärung der Fragen sowie zur Vertretung von Patienteninteressen haben wir die oben genannte Initiative gegründet.
Wir sehen in der Art und Weise der versuchten Schließung (innerhalb von drei Wochen!) einen großen Skandal. Es ist uns darüber hinaus völlig unverständlich, wie man in Europas größter Klinik zu dem Schluß kommen kann, Behandlung, Forschung und Ausbildung in der Reproduktionsmedizin sei kein zukunftsfähiger Bereich mehr.
Wir bitten Sie, sich dafür einzusetzen, die Schließung zunächst für sechs Monate auszusetzen. In diesem Zeitraum können und müssen die Gründe für die Schließung transparent und unter Berück-sichtigung der Patienteninteressen geprüft werden. Parallel sollten vorhandene sowie gegebenenfalls weitere Optionen für einen Weiterbetrieb oder gar Ausbau der Abteilung geprüft werden.
Unserer Auffassung nach liegt in dem schnellen Vorgehen ein fundamentaler Bruch des uns zustehen-den Vertrauensschutzes vor. Wir und andere Patienten haben erst vor wenigen Wochen eine neuen Behandlungszyklus begonnen in der selbstverständlichen Annahme, dass auch die Folgeübertragungen in der Charité vorgenommen werden. Andernfalls hätten wir womöglich von vornherein eine andere Einrichtung aufgesucht. Solche anderen Einrichtung haben selbst nämlich kaum ein finanzielles Interesse an einer reinen Übertragung von gefrierkonservierten Embryonen. Lukrativ sind die ambu-lanten Eingriffe, die die Charité nun bereits "abgeschöpft" hat. Es ist keineswegs gesichert, dass wir von anderen Institutionen für die Weiterbehandlung angenommen werden. Wir lassen derzeit prüfen, ob dieser Umstand nicht auch justiziabel ist. Wir bitten Sie, uns mitzuteilen, ob die Entscheidung des Vorstands durch den Aufsichtsrat zustimmungspflichtig ist und falls ja, welche Stellung Sie dazu bezogen haben.
Abgesehen vom Bruch des Vertrauensschutzes sehen wir uns auch erheblichen praktischen Problemen sowie erwartbaren zusätzlichen Kosten ausgesetzt:
Durch die Schließung der Abteilung würde zwangsläufig für eine Behandlung in einer anderen Institution ein Transport der gefrierkonservierten Embryonen erforderlich. Der Transport im Straßen-verkehr ist nur in waschmaschinengroßen stickstoffgekühlten Behältern zulässig. Man plant bei der Charité offenbar, diesen Transport den Patienten vollkommen allein zu überantworten. Unserer Kenntnis nach ist eine solches Vorgehen im Bereich der Kryokonservierung bundesweit beispiellos.
Die Schließung wird mit Kosten begründet: Etwa 200.000 € sollen durch die Maßnahme jährlich gespart werden. Wie uns aus der Presse bekannt ist, liegt der offizielle Fehlbetrag der Charité bei 38 Mio. €.
Wenn man nun die zahlreichen Vorstandsaktivitäten zur Vermeidung dieser 200.000 € in Relation zum Gesamtdefizit betrachtet, drängt sich die Frage auf, ob man dort nicht den Überblick verloren hat.
Wir halten auch das banale Übergewicht von Partikularinteressen für möglich: Räume der zu Schlie-ßung vorgesehenen Abteilung werden bereits jetzt von der Einrichtung "NeuroCure" in Anspruch genommen, die Übernahme der durch das Kinderwunsch-Zentrum noch betriebenen Räume durch NeuroCure ist offenbar bereits beschlossen. Das Millionen-Projekt NeuroCure liegt im direkten Interesse des Vorstandsvorsitzenden und Neurologen Prof. Dr. Einhäupl.
Doch auch das Kostenargument ist in sich nicht schlüssig: Die Einnahmen entfallen sofort, die hoch-spezialisierten Schwestern, Biologen, Laborfachkräfte und Ärzte sind hingegen nicht unmittelbar anderweitig einzusetzen. Die Charité selbst gibt intern keinen Bedarf für solche Stellen an.
Nach unseren Berechnungen entstehen auf diese Weise in den ersten fünf Jahren nach der Schließung über eine Million Euro zusätzliche Kosten, von einer Einsparung kann keine Rede sein. Gleichzeitig erhöht sich der mit 25% ohnehin hohe Verwaltungsanteil der Charité durch solche Maßnahmen weiter.
Ob die vom Vorstand für seine Argumentation vorgelegten Zahlen überhaupt einer Prüfung standhal-ten, zweifeln wir an: Hinsichtlich der Abrechnung über die Verwaltung der Charité gibt es massive Vorwürfe. Das Kinderwunsch-Zentrum hat erst seit dem 01.07.08 eine eigenen Kostenstelle. Einnah-men über Kassenpatienten wurden davor möglicherweise von der Verwaltung an die Abteilung nicht weitergegeben. Die Verwaltung der Charité kann diese Patienten angeblich aus ihrer Software gar nicht herausfiltern. Es besteht der Verdacht, dass zahlreiche Leistungen überhaupt nicht abgerechnet wurden. Maßnahmen zur Kostenreduktion konnten noch gar greifen, weil nicht einmal eine Jahresfrist gegeben wurde. Derart zustande gekommene Zahlen sollen nun die Schließung begründen.
Dabei gibt es konkrete Alternativen zur Schließung: Die Eizellentnahme und die Behandlungen sind für sich auch nach den problematischen Abrechnungsmethoden der Verwaltung der Charité kosten-neutral. Auf dieser Basis wurden von Professor Schneider, Direktor der Frauenklinik, zwei Konzepte unter Einbindung von privaten Laboren vorgestellt. Die Konzepte konnten nur schriftlich eingereicht werden, eine erklärende mündliche Erläuterung war angeblich nicht möglich. Nach Einreichen der schriftlichen Konzepte wurde diese abgelehnt.
Zusammenfassend müssen wir feststellen, dass uns die gesamte Argumentation völlig unverständlich ist. Private Fertilitätspraxen gelten als Goldgruben. Die Charité gibt an, bei gleicher oder besserer Qualität nicht kostendeckend arbeiten zu können. Tausende Patienten, die über die Reproduktionsme-dizin erst an die Charité gebunden worden waren und deren kryokonservierte Eizellen dort lagern, werden vergrault. Neue werden auf diesem Wege zukünftig nicht mehr geworben. Das enorme Renommee der Abteilung, das der ganzen Klinik zugute kam, fällt einem Federstrich zum Opfer.
Wir haben den Vorstand der Charité in einem Schreiben aufgefordert, uns vor dem 24.12.08 einen Termin für ein Lösungsgespräch zu nennen. Nach unserer Einschätzung ist es sinnvoll, dass Sie als Vertreter des Senats sowie als Mitglied des Aufsichtsrats bei dem Gespräch dabei sind.
Wir würden uns über eine baldige Rückmeldung freuen und verbleiben
mit freundlichen Grüßen
Carl-Friedrich Waßmuth
(Sprecher der Initiative)
Anlagen
Kopie des Schreiben an den Vorstand der Charité vom 19.12.08
Kopie des Schreibens an die Senatskollegin Prof. Lompscher
Kopie des Schreibens an den Senatskollegen Prof. Dr. Zöllner
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