Friday, 27. march 2009
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Familienplanung: Retortenbabys erwünscht
Fokus vom 16.01.2009
Familienministerin von der Leyen wünscht sich mehr Retortenbabys. Mediziner unterstützen ihren Vorstoß.
Von FOCUS-Korrespondentin Ulrike Plewnia
Die kleine Zoe zerrt das Wasserglas vom Tisch, ihre Schwester zerreißt eine Zeitschrift. Das Chaos, das ihre eineinhalbjährigen Kinder im Wohnzimmer anrichten, betrachtet Gina Busch mit einem Lachen. Liebevoll tröstet die junge Berlinerin ihre müden Kleinkinder. Mit der Geburt der Zwillinge ist für die 25-Jährige ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Lange Zeit war für sie ungewiss, ob sie jemals Mutter werden könnte.
Als die junge Frau nach einem Jahr nicht schwanger war, befürchtete sie, ein einst schlecht behandelter Leistenbruch ihres Mannes Marco könne die Qualität seiner Spermien verschlechtert haben. Ihr Verdacht bestätigte sich. Eine Geburt auf natürlichem Weg erschien unmöglich. Das Ehepaar suchte Hilfe in einer der bundesweit rund 120 Kinderwunsch-Praxen. Im Charlottenburger Fertility Center rieten Ärzte zu einer Kinderwunsch-Behandlung. Gina Busch und ihr Mann waren überglücklich, als der zweite Versuch gelang und das gleich doppelt. Die beiden übertragenen Eizellen hatten sich in der Gebärmutter eingenistet. 7500 Euro hatte das Paar sich als Selbstzahler seinen Kinderwunsch kosten lassen. Da Gina mit 23 Jahren zu jung war, beteiligte sich die Krankenkasse nicht an der Finanzierung. Für Hormonpräparate wie Gonal F und die Eingriffe verkaufte das Paar seinen neuen Volkswagen.
Von der Leyen möchte mehr Retortenbabys
Möglich, dass potentiellen Eltern schon bald geholfen wird. Zehn bis 15 Prozent der Paare gelten als ungewollt kinderlos. Bei der Vorstellung des Familienreports 2009 stieß Bundesfamilienministerin Urusla von der Leyen (CDU) eine Debatte über künstliche Befruchtung an. Eindringlich verlangte sie, „über die bemerkenswerte Initiative Sachsens nachzudenken." Seit Anfang März bezuschusst der Freistaat drei Versuche mit jeweils 900 Euro und übernimmt den vierten Versuch künstlicher Befruchtung bei verheirateten Paaren sogar komplett. Sozialministerin Christine Clauß (CDU) spendiert aus ihrem Etat 1,1 Millionen Euro im Jahr. Erst vergangene Woche hatte das Bundessozialgericht die derzeitige Praxis bestätigt, dass über 40 Jahre alte Frauen für künstliche Befruchtungen selbst zahlen müssen. Es wies die Klage einer 44-Jährigen ab.
Von der Leyens Vorschlag, das „Thema neu zu diskutieren", wurde nun auch vom hessischen Sozialminister Jürgen Banzer (CDU) aufgegriffen. Er brachte eine Stiftung ins Spiel, weil „er Paaren helfen möchte, ihren Kinderwunsch zu erfüllen." Die bessere Finanzierung von Kinderwunschbehandlungen, die angeblich zu einem Plus von mindestens 6400 bis 10 000 Geburten im Jahr führen würde, wie die Selbsthilfeorganisation Wunschkind schätzt, hat für die von der Leyen eine „ausgesprochene familienpolitische Komponente". Nachdem ihre Kabinettskollegin Ulla Schmidt (SPD) es bereits abgelehnt hat, die gesetzlichen Krankenkassen durch weitere Ausgaben zu belasten, sucht von der Leyen nun nach neuen Wegen - wohl auch um ihre eigene Bilanz zu verbessern.
Reproduktionsmediziner unterstützen Vorstoß
Den bescheidenen Anstieg der Geburten seit 2006 will von der Leyen als Erfolg ihrer Politik verbuchen. Im Wahljahr möchte sie offenbar die Rate, die immer noch bei 1,37 Geburten pro Frau dümpelt und unter 700 000 im Jahr liegt, durch eine gewaltige Finanzspritze aufpäppeln. Ulrich Hilland vom Bundesverband der Reproduktionsmedizinischen Zentren begrüßt den Vorstoß. „Kinder werden schließlich benötigt", formuliert der Interessensvertreter.
Passend zum Zeitgeist argumentieren selbst Kindermacher und Konzerne mit der Geburtenbaisse für ihre kommerziellen Belange. Der Bocholter Gynäkologe schätzt, dass die Gesetzesänderung 2004, als die künstlichen Befruchtungen aus dem Katalog der Pflichtleistungen genommen wurden, den Krankenkassen Einsparungen in Höhe von 100 Millionen Euro brachte. Doch er gibt zu bedenken: Kein ungewollt kinderloses Paar entscheide sich leichtfertig für die belastenden Prozeduren, die in immerhin 18 Prozent der Fälle von Erfolg gekrönt seien.
Pharmaindustrie kämpft um attraktiven Markt
Ein höchst lukrativer Markt würde mit mehr Kunden noch attraktiver für Pharmaunternehmen, die vor allem mit den benötigten Hormonpräparaten für Insemination, In-Vitro-Fertilisation (IVF) und Intracytoplasmatischer Spermieninjektion (ICSI) rund 150 Millionen Euro umsetzen. Der von Ferring und Organon unterstützte Verein Wunschkind verbucht die aktuelle Diskussion und die bevorstehenden Verbesserungen als „Durchbruch" dank seiner Lobbyarbeit.
Mit der demographischen Verheißung eines kleinen Geburtenbooms für die vergreisende Republik wirbt auch Marktführer Merck-Serono. Der Konzern hatte 2007 eine Bevölkerungs-Studie des Berlin-Instituts bezahlt, um ganz im eigenen Interesse den Effekt der assistierten Reproduktion herauszustellen. „Dumpf pro-nationalistisch" - wie die DVU es tut - mit der bevölkerungspolitischen Dimension zu rechnen, lehnen Demographen jedoch strikt ab. Der Bonner Familienforscher Stefan Fuchs etwa kritisiert: „Demographisch sind die künstlich erzeugten Geburten völlig belanglos, sie liegen bei rund einem Prozent der Gesamtsumme." Nur in Dänemark, wo drei In-Vitro-Behandlungen voll bezahlt werden, wird jedes 25. Baby bereits als Retortenkind erzeugt. Meistens sei ohnehin die aufgeschobene Elternschaft, also „schlechtes Timing" vieler gut ausgebildeter, älterer Paare der wahre Grund für die grassierende Kinderlosigkeit, so Fuchs.
Im Bundestag versuchte Mitte Februar die Linke alle Einschränkungen des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes wieder zurückzunehmen. Doch der Antrag der Linken scheiterte am Widerstand der Gesundheitspolitiker anderer Parteien. Als Folge der Gesundheitsreform beteiligen sich seit 2004 die gesetzlichen Krankenkassen nur noch zur Hälfte an den Behandlungskosten bei sterilen Ehepaaren. Altersbeschränkungen (Frauen ab 25, bis 40, Männer ab 25, bis 50 Jahre) verkleinern zusätzlich den Kreis der Nutznießer. Die Zahl der Kinder, die mit Hilfe artifizieller Methoden geboren wurde, sank seither. Die Zahl der Kinderwunsch-Behandlungen hat sich von 103 000 Behandlungen im Jahr 2003 vor der Einführung der Kürzungen auf rund 60 000 im Jahr 2007 verringert.
Keinesfalls sollten die gesetzlichen Krankenkassen Kinderlose stärker unterstützen, meint Carola Reimann, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. „Kinderlosigkeit ist keine Krankheit", urteilt Reimann. Auch wenn man künstliche Befruchtung wohlwollend als medizinische Therapie betrachte, sollten nicht alle übrigen Versicherten einspringen, denn Kosten und Nutzen stünden in keinem Verhältnis. Reimann: „Will der Staat Familiengründung fördern, muss er Steuermittel einsetzen." Auch ihr CDU-Kollege Hubert Hüppe, der sich von der Pharmaindustrie „extrem lobbyiert" fühlt, verteidigt den Status Quo, also die Begrenzung der Ausgaben für medizinisch aussichtsreiche Fälle. Er verweist zudem darauf, dass laut IVF-Register trotz stärkerer Eigenbeteiligung seit 2005 die Zahl der Behandlungszyklen bei einer kleineren Klientel wieder zunähme.
Aus volkswirtschaftlichen Gründen spräche dennoch vieles dafür, den vehementen Kinderwunsch einiger Weniger stärker zu subventionieren. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo betrachtet Kinder als sehr nützlich für den Staat. So argumentieren die Münchner Ökonomen, wenn man alles addiere, was ein Kind im Lauf seines Lebens als Steuern oder Abgaben erbringe und alle Ausgaben für Familien abziehe, profitiere der Staat im Schnitt mit rund 77 000 Euro.
Mediziner halten Regelung für ungerechtfertigt
„Aus medizinischer Sicht sind die Einschränkungen der jetzigen Regelung nicht zu rechtfertigen. Die Altersgrenzen sind willkürlich gewählt", bemängelt zudem Heribert Kentenich, der die Geburtsabteilung der DRK-Kliniken in Berlin leitet. Länder wie Slowenien, Finnland und Belgien seien deutlich großzügiger. Als einer der Pioniere der umstrittenen Reproduktionsmedizin vertritt Kentenich auch die Belange dieser Sparte in der Bundesärztekammer. Kinderwunsch-Behandlungen sollten von allen Kassen regelfinanziert sein, verlangt der Experte, der rund 10 000 Behandlungen betreut hat. Natürlich nehme die Fruchtbarkeit ab dem 35. Lebensjahr einer Frau rapide ab. Die Erfolgsquote sinke jedoch bei über 40-Jährigen nicht mehr so dramatisch ab, dass ein Ausschluss älterer Frauen gerechtfertigt wäre. Besonders ärgert den Reproduktionsmediziner jedoch die „Zweiklassenmedizin" und die „Bestrafung der unteren Schichten, die sich die teuren Behandlungen nicht leisten können."
Unter dem Kostendruck leiden auch Gina und Marco Busch. Zwar sind sie Eltern geworden. „Doch wenn ein Behandlungszyklus nicht so teuer wäre, hätten wir noch ein weiteres Kind", sagt Gina Busch. Zwar würde ihre Krankenkasse sich nunmehr zur Hälfte an den Kosten beteiligen, denn Gina Busch ist mittlerweile 25 Jahre alt. Trotzdem stellen die hohen Summen für den Anlagenführer und die arbeitsuchende Bürokauffrau ein unüberwindbares Hindernis dar. Falls von der Leyen ihre Pläne umsetzen sollte, könnte aus den Buschs eine der in Deutschland seltenen Mehrkindfamilien werden.
von Carl-Friedrich Waßmuth
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veröffentlicht in: Pressebericht
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